Unsere Kirche

Die St. Petri Kirche in Osten im Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln liegt in unmittelbarer Nähe zur Oste, dem schönsten Nebenfluss der Elbe, auf einer alten Kirchenwurt 30 km westlich von Stade. Die Menschen haben hier im Mittelalter Erde aufgeschüttet um den Bauplatz für ihre Kirche zu erhöhen. Diese Erdaufschüttungen nennt man Wurten. So schützte man die Kirche vor dem Hochwasser der Oste. Die Deiche am Osteufer waren zu dieser Zeit noch nicht sicher.

Vor mehr als 250 Jahren war die Ostener Kirche baufällig und auch zu klein. Daher wurde sie 1745 abgebrochen. Die Kirche in ihrer heutigen Form wurde nach drei Jahren Bauzeit 1748 eingeweiht.  Die Kirche bildete den zentralen Punkt des Kirchspiels und Gerichtes Osten. Der Staat und die Kirche bildeten eine Einheit. Der Kurfürst von Hannover war zugleich regierender Monarch und oberster Bischof der hannoverschen Landeskirche. Er war als Georg II. zugleich König von England.


Das Kirchspiel Osten war das größte und bedeutendste in der Osteregion. Hier lebten viel mehr Menschen als heute. Fast 5.000 Einwohner bevölkerten die drei Bauernschaften. Der Marschboden an der Oste ist sehr fruchtbar. Und die Marsch reicht hier weit ins Hinterland hinein. Sie endet erst nach einigen Kilometern am Rand des Kehdinger Moores. Die Bauern hatten im Laufe der Jahrhunderte diesen Flussschwemmboden mit einem Netz von Gräben durchzogen. Dadurch konnte das tiefliegende Land planmäßig entwässert werden.  Alles Land wird beackert, um Getreide anzubauen. Die Ostemarsch ist eine Kornkammer. Das heißt, es wird mehr Getreide erzeugt als die Menschen hier vor Ort selbst verbrauchen. Die Überschüsse werden verkauft und machen die Region reich. Dieser Reichtum ist allerdings sehr ungleich verteilt. Die adligen und nicht adligen Landbesitzer profitieren am meisten. Ihre Landarbeiter bekommen nur einen geringen Lohn. Aber sie müssen in der Regel nicht hungern. Hungersnöte nach schlechten Ernten kommen zu dieser Zeit noch oft vor. Aber auf den Marschen fallen sie oft nicht so hart aus, wie auf den sandigen Geesten oder in den Moorkolonien. Den Reichtum und damit auch die Bedeutung des Kirchspiels Osten wollen die wohlhabenden Bauern zeigen. Deshalb holen sie sich aus Hamburg Johann Leonard Prey. Nach heutigen Maßstäben ein Star-Architekt. Er plant und baut die St.-Petri-Kirche. Später hat er dann zusammen mit einem weiteren Architekten die bekannteste Kirche Norddeutschlands gebaut: den "Hamburger Michel".

Die Kirche wird dem Baustil des Barock zugeordnet. Ein schlichter Ziegelbau. Tonziegel werden in der Ostemarsch selbst hergestellt und müssen nicht von weit her geholt werden. Das ist bei den aus Sandstein eingefügten Portalen, die die Eingänge bilden, anders. Sandstein kommt in der Regel aus dem Weserbergland und muss auf dem langen Wasserweg über Weser, Elbe und Oste herangeschafft werden. Das gleiche gilt für Bauholz. Die Marsch ist bis etwa 1900 eine baumlose Gegend. Nur auf den Hofstellen oder in den Obstgärten finden sich Bäume. Ansonsten wird jeder Quadratmeter Fläche landwirtschaftlich genutzt, um Lebensmittel zu erzeugen. Und Holz wird reichlich gebraucht. Es bildet bereits die Grundlage für den Bau der Kirche. Denn der Marschboden ist weich. In Schichten hat er sich nach der Eiszeit abgelagert. Deshalb rammt man zum Bau großer Gebäude Pfähle in den Untergrund. Entweder bis tief in den festen Kiesboden unter der Marsch, oder wie beim Kirchen-bau zu hunderten dicht nebeneinander. Spicken nennt man das und die Pfähle heißen deshalb Spickpfähle. Sie liegen tief unter dem Boden der Kirche im Untergrund. Sie sind dadurch von der Luft abgeschlossen und verrotten nicht. Die Spickpfähle werden mit Bauholz zu einem flachen Gerüst verbunden. Die Maurer beginnen jetzt mit Ziegelsteinen auf dem Holzgerüst Gewölbe aufzumauern. Die Gewölbe übertragen das Gewicht des riesigen Kirchenbaues auf das Holzgerüst und damit auf den Erdboden. Nach und nach werden dann die Umfassungsmauern des Kirchenschiffs hoch gemauert. Mit hölzernen Gerüsten und Leitern arbeiten sich die Maurer nach oben. Ebenso wird der Turm hochgemauert. Die Mauern sind hier noch dicker als im Kirchenschiff. Denn der Turm soll das Geläute, also die Glocken, und das Dach tragen. Genannt Turmhaube oder Turmhelm. Die Glocken sind nicht nur schwer. Beim Läuten schwingen sie hin und her. Das vergrößert die Belastungen für den Turm. Außerdem sollte der Turm von St.-Petri eigentlich eine barocke Turmhaube mit Laterne bekommen. Eine Laterne ist eine offene Plattform, über der sich die eigentliche Turmspitze erhebt. Der Kirchturm wäre dadurch um einiges höher und schwerer geworden. Natürlich auch teurer. Deshalb haben die Ostener sich das wohl gespart. Das Kirchenschiff trägt ein mit Schiefer gedecktes Mansarddach. Mansarddächer haben keine durchgehende Dachfläche. Der untere Teil des Daches ist steil geneigt. Der obere hat zum First hin eine flachere Neigung. Auch Schiefer ist ein Baumaterial, das auch südlichen Teilen Deutschlands oder dem Ausland herangeholt werden musste. Im Gegensatz zu Dachpfannen ist Schiefer aber sehr lange haltbar. Außerdem wird er angenagelt und ist deshalb nicht so sturmempfindlich. Das besondere am Kirchenschiff aber ist das Gewölbe. Das Gewölbe schließt als gemauerte Kuppel das Kirchenschiff nach oben ab. Erst darüber liegt der hölzerne Dachstuhl. An dieser Stelle hat Prey als Architekt einen Fehler gemacht. Architekten haben in der Barockzeit keine mathematischen Berechnungen für Standfestigkeit und Druckbelastung gemacht. Sie haben nach erlernten und eigenen Erfahrungen gebaut. In Osten ist nun folgendes passiert. Gewölbe und Dach waren für die Außenwände des Kirchenschiffes zu schwer. Die Außenwände begannen kurz nach Fertigstellung der Kirche sich nach außen zu verschieben. Um einen Einsturz des Kirchenschiffs zu verhindern, wurden Eisenbänder unterhalb des Gewölbes eingezogen. Sie verhinderten Schlimmeres. Allerdings haben die Außenwände der Kirche oben, wo sie ans Dach stoßen einen Bauch. Der ist von außen auch gut zu erkennen. Und innen wird der Himmel des Kirchenschiffs von eisernen Stangen zerschnitten. Das besondere an der Bauart des Kirchenschiffes ist nämlich seine Ausführung als Saalbau. Saalbauten sind frei von Bauteilen, die in den Raumeindruck behindern. Im Gegensatz zu den Kirchen des Mittelalters brauchen sie keine tragenden Säulen. Deshalb können sie sehr hell und luftig wirken.


Die St.-Petri-Kirche zu Osten ist im Inneren im Stil des „Rokoko“ gestaltet. Ein Dekorationsstil des Spätbarock. Das Wort stammt aus dem französischen und leitet sich von dem Wort „Muschel“ her. An der Decke im Kirchenschiff sind große Verzierungen aus Gipsstuck angebracht. Das sind Rocaille-Stukkaturen. In diesen Zierornamenten findet man die Muschelform wieder. Hier in Osten sind sie in Gestalt von zwei Buchstaben „A“ und „O“ geformt. Im griechischen Alphabet sind das der erste und letzte Buchstabe. Sie stehen also für Anfang und Ende. Ein Thema, das im christlichen Glauben immer eine Rolle spielt. Die Decke ist in einem zarten „himmlischen“ Blau gestrichen. Auch der Rest der Kirche ist in zarten Farben bemalt, wie es im „Rokoko“ üblich war. Die Ausstattung im Inneren wird ansonsten im Wesentlichen von Emporen, den Priechen und dem großen Kanzelaltar bestimmt.  Genau wie die Bänke sind diese Bauelement  aus Holz gebaut und mit allerlei Verzierungen versehen. Die Empore ist eine erhöhte Tribüne. In Osten finden wir eine „Hufeisenempore“, die zum Altar hin offen ist. Dadurch konnten mehr Menschen in der Kirche Platz finden. Von den fast 5.000 Einwohnern des Kirchspiels konnten etwa 1.200 einen Platz in der Kirche finden. Weil die Einwohnerzahl im Laufe der letzten 100 Jahre stark geschrumpft ist und auch Menschen hier leben, die nicht zur evangelischen Kirche gehören, hat man in den 1960´er Jahren die Zahl der Bankplätze etwa halbiert. Dadurch ist die Kirche heute übrigens viel heller, denn oben auf den Emporen sind 2 Sitzreihen entfernt worden. Diese haben früher die Fenster fast verdeckt. Außerdem sitzen heute keine Menschen mehr in den Priechen. Priechen sind die abgetrennten Sitzplätze für die höheren Stände. Höherer Stand ist ein Begriff aus einer Klassengesellschaft. Bis zum Ende der Monarchie in Deutschland 1918 waren  die Menschen in vielen Lebensbereichen nicht gleich gestellt. Der größte Unterschied bestand zwischen Frau und Mann. Frauen hatten viel weniger Rechte. Aber auch die Männer wurden danach unterschieden, welchen Beruf oder Besitzstand sie hatten. Eine besonders herausgehobene Gruppe war der Adel. Die Adligen vertraten den Kurfürsten oder König und hatten besondere Rechte. Die beiden größten Priechen, die rechts und links vom Altar gehörten zwei Adelsgeschlechtern aus dem Kirchspiel. Deshalb tragen sie auch einen Wappenschild. Für diese besonders herausgehobenen Plätze haben die Adligen andererseits auch viel Geld für den Bau der Kirche gestiftet. Und auch die wohlhabenden Bauern, die in den Priechen unter den Emporen ihre Plätze hatten, mussten dafür bezahlen. Der Kanzelaltar ist eine besondere Bauform des Altars. Der Altar ist vereinfacht ausgedrückt der Tisch um den herum das Abendmahl zum Gedenken an Jesus Christus ausgeteilt wird. Im evangelisch-lutherschen Glauben ist die Verkündigung des Gotteswortes zentralster Teil des Glaubens. Weil also die Verlesung der Bibeltexte und die Predigt darüber so wichtig ist, hat man die Kanzel in die Mitte des Altars gesetzt. Darüber befindet sich der als Baldachin gestaltete Schalldeckel. Denn der Pastor auf der Kanzel musste mit seiner Stimme alle Menschen in der Kirche erreichen. Ganz oben in der Mitte des Altars befindet sich ein Auge im Strahlenkranz, dass Gott symbolisieren soll. Die Engel rechts und links haben übrigens etwa die Größe eines Grundschulkindes. Der ganze Altar ist nämlich gut 10 Meter hoch. Alle Verzierungen, also Schnitzereien, Zierleisten und dergleichen sind von Hand gearbeitet. Maschinen zur Holzbearbeitung gab es für die Tischler noch nicht. Pfeifen, die darin zu sehen sind, dienen nur der Dekoration. Sie gehören nicht zum Musikinstrument Orgel. Die eigentliche Orgel liegt dahinter. Sie ist musikalisch der „Romantik“ zuzuordnen. Sie wurde 1890 von den Gebrüdern Peternell aus Seligenthal in Thüringen gebaut. Orgel und Kirche sind seit der Erbauung teilweise mehrfach renoviert worden. Baulich aber ist die Kirche weitgehend unverändert geblieben. Die größten Veränderungen sind durch den Einbau einer Zentralheizung schon im Jahr 1900 erfolgt. Dafür wurde ein Raum hinter dem Altar abgetrennt. Natürlich ist auch irgendwann elektrischer Strom in die Kirche gelegt worden. Seit dieser Zeit konnte die Orgel mit einem elektrischen Gebläse ausgestattet werden. Niemand musste die Blasebälge treten. Auch das Geläut und die Turmuhr von St.-Petri konnten mit einem Antrieb über Elektromotoren ausgestattet werden. Nach dem Bau der Kirche wurden die Toten auf dem heutigen Kirchplatz beerdigt. Da der Kirchplatz aber beengt ist und auch für die Märkte im Kirchdorf gebraucht wurde, hat man im Jahr 1830 den Friedhof an die Lange Straße verlegt.